04.06.2018

Strategien für Schnelligkeit und Flexibilität

Agile Produktentwicklung

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Start-ups aus der Technologieszene und etablierte IT-Unternehmen setzen seit Jahren bei der Produktentwicklung auf Agilität. Zalando propagiert sogar die radikale Agilität. Das Prinzip kommt aus der Softwareentwicklung und durchzieht mittlerweile alle Unternehmensprozesse. Es geht um Schnelligkeit und schrittweise flexible Anpassungen an reale Marktbedingungen. Geht das auch im deutschen Mittelstand?

Prinzip Agilität

Agilität ist vor allem bei der Entwicklung innovativer Produkte und Dienstleistungen gefragt. Früher wurden bei komplexen IT-Projekten dicke Pflichtenhefte geschrieben, die Programmierer dann akribisch Schritt für Schritt umgesetzt haben. Das hat lange gedauert und Funktionen hervorgebracht, die am Markt nicht ankamen oder gar nicht notwendig waren. Experten schätzen, dass nach dieser Methode, die nach Ayelt Komus metaphorisch dem Bau einer Kathedrale ähnelt, mehr als 50 Prozent der Ergebnisse unbrauchbar sind. In der heutigen komplexen digitalen Welt kann nicht alles bis zu Ende gedacht werden, weil es kein Ende gibt.

Agiles Projektmanagement geht dagegen schneller, da es auf kürzere Zyklen und Iterationen setzt. In Kreativsitzungen werden Teilschritte definiert, die in ein- bis zweiwöchigen Sprints umgesetzt werden. Die funktionierenden Teilversionen werden dann getestet, bewertet und in nächste Stufen übernommen. Versuch und Irrtum durch flexible Teams statt den von einem Großmeister erdachten Superplan, das ist Agilität. Es geht dabei zu wie in einem Basar, um die Metapher von oben zu Ende zu führen. Die Lernkurve vor allem bei digitalen Innovationsprozessen ist steil. Neue Erkenntnisse müssen in allen Stufen eingebaut werden. Nachjustierungen sind sogar existenziell für den Erfolg von Innovationen. Es gibt mittlerweile verschiedene Standards und Tools rund um Agilität, wie z. B. Scrum oder Design Thinking.

Minimal Viable Product

Irgendwann ist der Zeitpunkt bei digitalen Lösungen erreicht, wo sie in den Markt gebracht werden. Häufig geschieht das als Betaversionen. Auch hier ist noch keine fertige, aber eine minimal überlebensfähige Lösung am Start. Dieses Prinzip wird deshalb auch als Minimal Viable Product (MVP) bezeichnet.

Pivotierung

Ist die flexible Anpassung so radikal, dass sie die strategische Grundausrichtung und das Geschäftsmodell eines Unternehmens erfasst, wird sie in der Start-up-Szene nach Eric Ries als Pivot (sich drehen) bezeichnet. Ansätze dafür sind z. B. Konzentration auf nur eine Funktion von ursprünglich mehreren, neue Zielgruppe für das gleiche Produkt, neues Produkt für gleiche Zielgruppe, Wechsel von End- zu Geschäftskunden und umgekehrt, verändertes Preismodell oder neue Technologien.  

Anforderungen für Agilität

Agilität ist im Grundsatz für alle Unternehmen richtig. Ihre Ausprägungen können aber nicht in allen Branchen gleichermaßen sein. Eine Maschine und Anlage zu bauen, die deutsche Spezialität schlechthin, ist etwas anderes als eine Software zu programmieren. Gleichwohl sind die mit der Agilität notwendigerweise einhergehenden Führungsprinzipien wie flache Hierarchien, autonome Teams, Fehlertoleranz und Freiheit auch für Traditionsbranchen wichtig. Jedes Unternehmen muss aber vor dem Hintergrund seiner Historie, Kultur, Branche und Produkte einen eigenen Weg gehen und finden.

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